Die große Wand

Auf dem Berchtesgadener Weg durch die Watzmann-Ostwand

Die Watzmann-Ostwand ist ein Faszinosum, ein Unikum, ein Monstrum. Mit ihren 1800 Meter Wandhöhe ist sie die höchste Wand der Ostalpen; ja sogar alpenweit gibt es nur sehr wenige andere Wände dieses Kalibers. So viel wurde geschrieben über diese Wand: von Tragödien, Triumphen, Schicksalen, Heldentaten und Glücksgefühlen. Erstmals hat man sie im Jahr 1881 durchstiegen, ihre Geschichte weist viele illustre Namen wie die von Johann Grill ("Kederbacher"), Johann Punz ("Preiss"), Ernst Platz, Ludwig Purtscheller, John Percy Farrar, Josef Aschauer, Hermann Buhl und weiteren auf. In den 1960er-Jahren wurde Franz Rasp zum besten Kenner der Wand und durchkletterte mehrere Routen im Alleingang. Nach seinem Absturztod, bei der 295. Besteigung an Neujahr 1988, wurde Heinz Zembsch der erfahrenste Ostwandkenner; er ist immer noch als Bergführer in ihr unterwegs und hat sie schon fast 400 Mal durchstiegen. Rekorde über Rekorde: Hermann Buhl durchkletterte die Wand 1953 auf der damals schwierigsten Route, dem Salzburger Weg (V), alleine in einer Winternacht, Albert Hirschbichler rannte 1988 in unglaublichen 2:10:12 Stunden von St. Bartholomä zur Südspitze hinauf, 99 Menschen kamen bisher von einem Besteigungsversuch nicht lebend zurück. Diese Schlaglichter mögen hier fürs Erste genügen; letztlich führen all diese Superlative und Zahlen ja doch in die Irre. Die große Wand steht auch ohne uns Menschen da. Sie fordert keine Opfer, sie ruft uns auch nicht. Und doch: Manchmal meint man, man müsse da jetzt hinauf. Die Wand ist da und lockt. Aus bloßem Sein geht Wollen hervor: So beginnt Menschsein, so ist auch das Bergsteigen.

Mit Bergführer Wolfgang Pusch will ich im September 2009 die Watzmann-Ostwand auf der üblichsten Route, dem Berchtesgadener Weg, durchsteigen.

 

Wir fahren mit einem der letzten Schiffe nach St. Bartholomä, wo sich die Massen wälzen. Hunderte, ja beinahe Tausende Ausflügler stehen schon Schlange, um die Rückfahrt über den Königssee anzutreten. Gegen 18.30 Uhr sind sie plötzlich alle verschwunden, Stille kehrt ein. Zwölf, vierzehn Ostwandaspiranten sitzen noch im schattigen Biergarten von St. Bartholomä, unterhalten sich gedämpft, starren in die graue Wand hinauf, lesen Routenbeschreibungen. Ich meine die allgemeine Anspannung spüren zu können, ein Frösteln; ich höre kein Gelächter. Auch für mich wird die Watzmann-Ostwand, wenn man technische Schwierigkeiten und konditionelle Anforderungen zusammenzählt, die bisher vielleicht anspruchsvollste Tour meines Lebens sein. Ich bin jedoch gut vorbereitet und im positiven Sinn angespannt, aber nicht nervös. Die Kondition stimmt, der Rucksackinhalt ist auf ein Minimum reduziert, und Wolfgang wird mit seiner Erfahrung von bisher schon acht Ostwand-Besteigungen morgen ein wegfindiger und zuverlässiger Seilerster sein.

    

Abends schlendern wir am See umher und genießen die Stille. Es ist schon jetzt ein außergewöhnliches Erlebnis, diesen Ort endlich einmal ohne Touristenscharen erleben zu können. Übernachten darf man in St. Bartholomä bekanntermaßen ja nur dann, wenn man die Watzmann-Ostwand durchsteigen will. Die Ungeduld ist groß: Ach, könnten wir doch schon jetzt gleich einsteigen! Die Stunden vergehen langsam.

  

Endlich, der Wecker klingelt. 09.09.09, 4:35 Uhr. Ein paar Süßigkeiten und eine Banane zum Frühstück, und schon spazieren wir in gemächlichem Tempo los. Ein gut ausgebauter und auch im Dunklen begehbarer Wanderweg führt ins Eisbachtal hinein und nach 45 bis 60 Minuten bis hinter zur Eiskapelle, dem riesigen ganzjährigen Lawinenschneefeld am Fuß der Ostwand. Als wir über die Felsen zum Einstieg stolpern, bricht ein wunderbarer Morgen an: Über uns sehen wir noch Sterne, und grau-schwarz türmt sich die riesenhafte Wand in den Himmel, während hinter uns schon helle Blautöne hinter dem Hagengebirge aufsteigen und der Königssee unter einer dichten Nebeldecke zurückbleibt. Am Einstieg links von der Eiskapelle haben wir gegenüber dem See schon 300 Meter an Höhe gewonnen.

   

Wir legen unsere Gurte an, setzen die Helme auf, dann steilt sich der Boden unter unseren Füßen auf. Zunächst ist der Weg nicht zu verfehlen, ein gut sichtbarer Pfad führt durch die Latschenvegetation. Dann heißt es aufpassen, denn ab jetzt sind Verhauer möglich, die Zeit und Kraft kosten. Mal geht es über blanken Fels, dann wieder auf einem Pfad durch abschüssige Grasflanken. Richtige Kletterei ist hier noch nicht gefordert, allerdings absolute Trittsicherheit, denn ein Ausrutscher kann bereits hier böse enden. Die für mich subjektiv schwerste Stelle dieses Streckenabschnitts ist eine ganz kurze Querung um eine vorspringende Felskante herum - sie drängt einen nach außen, und man muss gut zupacken, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Eine letzte Querung führt uns durch Wiesenhänge, dann ist auch schon die Höhe des Schuttkars erreicht. Genau hier geht die Sonne auf, es ist 7:07 Uhr. Wir sind insgesamt 2:20 Stunden unterwegs und liegen gut in der Zeit - der Tag hat ja soeben erst begonnen.

Der Blick nach oben ist schaurig-schön: Die Steilwände leuchten in der Morgensonne, wirken deshalb aber nicht weniger abweisend. Alles scheint senkrecht zu sein, das Auge wird getäuscht. Wer die Routenbeschreibung gut studiert oder die Wand schon durchstiegen hat, erkennt mit einem Blick den gesamten Routenverlauf bis in den Eingang der Gipfelschlucht.

Wir queren ins Schuttkar, das den Übergang vom unteren zum mittleren Wandteil mit den ersten Kletterstellen markiert. Heute ist im Kar nur etwas stehendes Wasser und ein winziges Rinnsal da, aber auch das genügt, um kurz den Durst zu stillen. Die Spannung steigt, denn gleich geht es endlich richtig los, und die Kletterei beginnt!

Aus dem vom Tal aus gesehen oberen rechten Rand des Schuttkars queren wir ins Felsgelände und nehmen nun oft die Hände bei der Fortbewegung oder zum Halten des Gleichgewichts zu Hilfe. Überraschend schnell gewinnen wir an Höhe, wie schon beim Zustieg zum Schuttkar. Das Gelände ist hier überall dermaßen steil, dass man sich fast wie auf einer Leiter nach oben bewegt und in kürzester Zeit größere vertikale Distanzen zurücklegt. Über Felsgelände im I. und II. Schwierigkeitsgrad sowie Gehgelände führt die nicht markierte Route auf den "Ersten Sporn" und anschließend nach links querend auf den "Zweiten Sporn". Dort, auf 1630 m Höhe, gibt es für längere Zeit den letzten geräumigen und ebenen Rastplatz. Kaum zu glauben, dass bereits hier mehr als Hälfte der insgesamt zu bewältigenden Höhenmeter hinter uns liegt.

Vom "Zweiten Sporn" queren wir weiter nach links und erreichen nach wenigen Minuten den Beginn der sogenannten "Platte" an der Wasserfallwand, die Schlüsselpassage des Berchtesgadener Wegs. Es handelt sich hierbei um eine plattige Felspassage, die weder senkrecht noch besonders furchterregend aussieht, aber eben doch etwas steiler und trittärmer ist als die bisherigen Kletterstellen - und daher zurecht mit dem III. Schwierigkeitsgrad bewertet ist. Bohrhaken sind vorhanden und laden zum Sichern ein. Auch wir holen hier zum ersten Mal das Seil heraus, und während Wolfgang leichtfüßig vorsteigt, freue ich mich darüber, dass ich an dieser Stelle gesichert nachsteigen kann.

Wer das alpine Klettern nicht gewohnt ist, tut sich hier nicht ganz leicht und wird sich vielleicht wundern, dass die glatte und trittarme "Platte" nur mit dem III. Grad bewertet ist. Auch ich habe beim Klettern zunächst das Gefühl, dass ich diese Stelle nur mit viel Kraftaufwand schaffe und dass eine schwerere Kletterei für mich kaum machbar wäre. Wenn man jedoch etwas Übung hat und es versteht, auf Reibung zu klettern, ist die "Platte" - zumal mit Seilsicherung - eigentlich nicht besonders schwierig. Ihre Ausgesetztheit ist allerdings nicht zu leugnen.

Nicht nur Wetter, Ausrüstung und Kondition stimmen bei uns heute, auch mit Steinschlag haben wir keinerlei Probleme. Obwohl mehrere Seilschaften über uns in der Wand sind, bekomme ich während der gesamten Tour nur ein einziges Mal etwas von diesem gefährlichen Phänomen mit: Am Ende der "Platte" pfeift ein winziger Stein an mir vorbei. Es versteht sich von selbst, dass man in der Watzmann-Ostwand aus Rücksicht auf nachfolgende Bergsteiger mit großer Vorsicht steigen und keine Steine auslösen sollte.

    

Am Ende der ca. 80 Meter langen "Platte" geraten wir wieder in gangbareres und weniger steiles Gelände. Hier darf man auf keinen Fall den Fehler machen, weiter nach links aufwärts (in Richtung der markanten gelben Rampe) zu gehen, sondern man muss scharf nach rechts queren und dort in die Rampe einsteigen, die parallel unterhalb der gelben Rampe nach oben zieht und deren Eingang erst im letzten Moment sichtbar wird. Dieser Durchschlupf ist aus dem Tal nicht erkennbar; daher wurde diese Möglichkeit des Durchstiegs erst 1947 per Zufall gefunden - der Berchtesgadener Weg und damit die einfachste Ostwandroute war geboren!

Wir gehen hier wieder seilfrei, was neue Aufmerksamkeit erfordert, uns aber auch schnell vorankommen lässt. In der Rampe gibt es zunächst Genusskletterei in bombenfestem Fels (I-II), früher oder später treten jedoch wieder Schwierigkeiten auf, die einen (je nach Routenwahl) aus der Rampe herausführen oder den Gebrauch des Seils nahelegen. Die für mich mit anspruchsvollste Stelle der ganzen Wand folgt am Ausstieg aus der Rampe, wo mehrere Varianten der Wegwahl möglich sind und noch einmal Stellen im III. Grad bewältigt werden müssen.

Dann folgt wieder einer der seltenen Abschnitte mit Gehgelände: Wir queren aus dem oberen Ende der Rampe hinaus und erreichen den Eingang der Gipfelschlucht auf ca. 1980 m Höhe. Es ist 10:15 Uhr, wir sind fünfeinhalb Stunden unterwegs und haben uns eine Pause verdient. Auch hier findet man mit etwas Glück Wasser - wir haben dieses Glück und können aus einer kleinen Gumpe trinken. Allzu lange verweilen wir nicht, denn noch immer liegen 730 Höhenmeter vor uns.

Der Weiterweg führt aus dem oberen rechten Rand der Gipfelschlucht rechts bergauf. Zahlreiche Rinnen, die von jahrelangem Regen und Steinschlag blankgeschliffen sind und weiß leuchten, vermitteln den einfachsten Durchstieg. Ein Spaziergang ist es allerdings nicht, immer wieder muss man kräftig zupacken oder mit bloßen Reibungstritten höhersteigen. Immerhin bewegen wir uns hier an den Innenflanken des Kessels, der die Gipfelschlucht in sich birgt - die Kletterei ist daher, wie schon vorher an einigen Stellen im Inneren der Rampe, nicht sehr ausgesetzt.

An einigen Stellen in der Wand sind übrigens schwache grüne Farbflecken zu erkennen - Reste einer durchgehenden Markierung, die vor Jahren unerlaubterweise angebracht und später etwas halbherzig wieder entfernt wurde. Auf diese alten Markierungen darf man sich natürlich nicht verlassen, aber wo immer man sie zufällig sieht, helfen sie doch ein wenig bei der Wegfindung.

Dann folgt das vielleicht schönste Stück des Berchtesgadener Wegs: Wir queren aus dem Rinnensystem, das uns von der Gipfelschlucht aufwärts geführt hat, rechts heraus, erreichen eine Grathöhe - und genießen nun wieder einen phantastischen Tiefblick auf St. Bartholomä. Über Gehgelände und in Genusskletterei des I. Grades steigen wir spielerisch den Gratrücken hinauf - das ist wirklich Bergsteigen, wie es schöner nicht sein kann! Die meisten anderen Ostwandrouten wie z. B. der Kederbacherweg münden spätestens hier ein und führen gemeinsam mit dem Berchtesgadener Weg weiter in Richtung Gipfel.

   

Kurz darauf erreichen wir die Biwakschachtel in 2380 m Höhe. Bei Wettersturz oder Erschöpfung finden die Bergsteiger hier Rettung - wir sind heute jedoch bei idealen Verhältnissen unterwegs und halten uns daher auch gar nicht lange dort auf. Nach dem obligatorischen Eintrag ins Biwakschachtelbuch geht's weiter, die anspruchsvollen Ausstiegskamine und weitere 332 Höhenmeter warten auf uns.

   

Die Euphorie steigt, und je näher wir dem Gipfel kommen, umso leichter turnen wir über die Felsstufen hinweg. Man darf sich in der Watzmann-Ostwand allerdings nicht der Illusion hingeben, dass die sogenannte Schlüsselpassage an der Wasserfallwand die einzige anspruchsvolle Passage der Tour bleibt, so wie das manche Beschreibungen suggerieren. In Wirklichkeit begegnet man dem III. Schwierigkeitsgrad in der Wand mindestens fünf, sechs Mal; meist allerdings nur auf wenigen Metern. Verfehlt man die leichteste Route, findet man sich schnell in längeren IIIer-Abschnitten oder in höheren Schwierigkeitsgraden wieder.

In den Ausstiegskaminen klettern wir wie bisher mindestens bis zum II. Grad seilfrei und sichern an zwei, drei kurzen Stellen mit Seil. Das sogenannte "Gehen am kurzen Seil" (wobei beide Bergsteiger bei einem Abstand von wenigen Metern mit dem Seil verbunden sind und ohne am Fels fixiert zu sein gleichzeitig steigen) praktizieren wir übrigens in der gesamten Wand fast gar nicht. Wir ziehen es vor, dort seilfrei zu gehen, wo wir uns sicher dafür fühlen (denn auf diese innere Gewissheit kann man sich bei ausreichender Erfahrung verlassen), und andererseits konsequent mit dem Seil an einem Fixpunkt zu sichern, wo es angenehm oder erforderlich ist.

Bald haben wir die Höhe des Watzmanngrats erreicht und schauen hinüber zu den vielen Bergsteigern, die über die seilversicherte Felsschneide krebsen. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, aus der Ostwand auf den Grat hinauszutreten - nun bin ich nur noch ein paar Minuten davon entfernt.

Zuvor müssen wir aber noch eine knifflige Stelle überwinden: ein kurzes, annähernd senkrechtes Wandstück, das die rein klettertechnisch schwierigste Stelle des ganzen Berchtesgadener Wegs darstellt - und das keine 50 Meter unter dem Gipfel! Eine fix angebrachte Seilschlaufe erleichtert das Überwinden des Wandls. Verwendet man sie nicht, muss man ganz schön kräftig zupacken, und die Stelle liegt im IV. Grad. Mit Seilhilfe kann man die Stelle mit III+/A0 bewerten - aber wer würde hier, nach über 1700 Meter Steilwand, ernsthaft eine ethische Diskussion zum Kletterstil anstoßen wollen! Und dann ist es soweit: Ein paar letzte, einfache Kamine, auf den letzten Metern auch mit Eisauflage, und dann stehen wir auf dem markierten Gratweg. Eine Minute später reichen wir uns am Gipfel die Hände. 7 3/4 Stunden sind seit dem Aufbruch in St. Bartholomä vergangen.

    

Wir krönen unsere Tour mit der Watzmann-Überschreitung. Die aussichtsreiche Route über den Grat erscheint uns mit ihren Seilsicherungen nun wie ein Spaziergang (der sie allerdings nicht ist!). Große Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind zwar aufgrund einiger vereister Stellen nach wie vor erforderlich, aber die Anforderungen sind doch deutlich niedriger als in der Ostwand. Der Tiefblick in die Wand ist gewaltig. Kaum zu glauben, dort sind wir hinaufgeturnt!

Auf dem Watzmannhaus lassen wir zwei Mass Erfrischungsgetränke in unseren Mündern verdampfen. Über Wanderwege steigen wir dann noch ganz hinunter zur Wimbachbrücke, wo die Tour nach insgesamt 13 Stunden endet.

Im Folgenden noch ein paar Gedanken zur Tourenplanung. Folgende Faktoren sind bei der Planung einer Watzmann-Ostwandtour wichtig und erhöhen die Erfolgschancen enorm:
1. eine erstklassige Kondition. Für die mindestens 2100 Aufstiegs- und ebenso vielen Abstiegshöhenmeter sollte man nicht nur viel Schmalz in den Haxen haben, sondern generell durchtrainiert und zäh sein.
2. eine stabile Schönwetterlage. Studiert man die lange Liste der Unglücksfälle in der Ostwand, stellt man fest, dass ein Großteil auf Regen, Wettersturz, Schneefall oder Vereisung zurückzuführen ist. Steigt man hingegen dann ein, wenn stabiles, schönes Wetter vorhergesagt ist und bereits mehrere Schönwettertage vorausgingen, hat man eine Sorge weniger. Vorsicht ist jedoch immer geboten, denn Vereisung und Altschnee kann es im oberen Wandteil trotz schönem Wetter geben. Die essentielle Wichtigkeit einer stabilen Wetterlage zeigte sich bereits einen Tag nach unserer Tour: Am 10. September stiegen zwei Bergsteiger in die Watzmann-Ostwand ein, mussten unterwegs in einem Felsloch biwakieren und erlebten in der Nacht zum 11. September einen heftigen Wettersturz. Da am nächsten Morgen alles vernebelt und der Fels nass war und einer der beiden überdies seinen Helm verloren hatte (!), blieb den Bergsteigern nichts anderes übrig, als die Bergwacht zu alarmieren. In einem mehrstündigen Kraftakt und einer fliegerischen Meisterleistung des Piloten konnten die beiden unversehrt ausgeflogen werden. Noch einen Tag vorher waren wir bei bestem Wetter unbeschwert durch die Wand gestiegen, 36 Stunden später tobte dort ein Inferno.
3. ein leichter Rucksack. Es macht sich ausbezahlt, wirklich nur das Allernötigste mitzunehmen und jedes überflüssige Gramm zuhause zu lassen. Je schwerer der Rucksack, umso mehr ist man beim Klettern behindert und umso schneller ermüdet man. Unbedingt mit dabei sein sollten Dinge wie ein Helm, eine Stirnlampe, ein Biwaksack und eine Rucksack-Apotheke pro Zweier-Seilschaft, mindestens 1,5 Liter Getränke und ein Not-Kälteschutz, falls man unvorhergesehenerweise doch in der Wand übernachten muss. Weniger essentiell sind Dinge wie Teleskopstöcke, besonders viel und schweres Essen, mehr als die allernotwendigste Wechselwäsche usw. - hier sollte man schon genau abwägen, was man mitschleppt, und was nicht.
4. ein früher Aufbruch. Es lohnt sich sehr, im Ostwandlager in St. Bartholomä zu übernachten, anderntags noch bei Dunkelheit in Richtung Eiskapelle zu wandern und im ersten Tageslicht (nicht jedoch früher, Verirrungsgefahr!) in die Wand einzusteigen. So befindet man sich schon in der Wand, wenn der ganze Tag noch vor einem liegt. Fährt man dagegen erst am Tag der Tour mit dem Schiff nach St. Bartholomä, kann es leicht schon 10 Uhr vormittags sein, bis man den Einstieg erreicht. Zeitdruck, aber auch unangenehm höhere Temperaturen während der Kletterei in den Mittagsstunden können die Folge sein.
5. ein erfahrener Tourenpartner. Jemanden dabei zu haben, der die Tour schon kennt und im Idealfall auch noch kompetent die Sicherung übernimmt, ist Gold wert. Eine der großen Gefahren der Ostwand, die Gefahr des Sich-Verirrens, fällt dadurch weg, und man ist als Ostwandneuling nicht ständig dem Stress ausgesetzt, die richtige Route finden zu müssen.

Abschließend denke ich mir: Eine Durchsteigung der Watzmann-Ostwand, zumal unter optimalen Bedingungen, auf der leichtesten Route und im Nachstieg, ist heutzutage natürlich bei weitem keine besonders nennenswerte Leistung mehr. Um Leistung sollte es hier aber auch gar nicht vorrangig gehen. Eine Tour durch die Watzmann-Ostwand ist das, was sie immer schon war und wofür der ganze Berg Watzmann steht: ein großartiges, wildes, unvergessliches Erlebnis in einer unvergleichlich beeindruckenden Hochgebirgslandschaft. Ob die Ostwand nun die höchste oder die zweithöchste Wand ist, ist ebenso egal wie die Frage, ob man in fünf oder neun Stunden hinaufsteigt. Wichtig ist das persönliche Erlebnis: das Leuchten in den Augen, die unsagbare Freude, die müde Zufriedenheit nach der Tour; die Genugtuung, die eigenen Fähigkeiten weder unter- noch überschätzt zu haben und sich zum Aufbruch entschlossen zu haben. Für mich ist mit der Watzmann-Ostwand ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen - nicht mehr, nicht weniger.

 

 Einige Fotos, die auf dieser Tour entstanden sind, wurden in der neuen
 Watzmann-Monographie von Wolfgang Pusch veröffentlicht.

 

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